Zusammen mit einem jungen französischen Schriftsteller, dem ich in dem Maramuresch begegnet bin, suche ich das Gefängnis-Museum Sighet. Ich frage mehrere Passanten nach dem Weg, die uns mal zu einer Adresse mal zur anderen schicken. Wir legen kilometerlange Strecken zurück, je nachdem wie man uns den Weg weist. Warum hat man uns bloß hin und her geschickt ? Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Bewohner des Viertels nicht wissen, wo das ehemalige politische Gefängnis liegt… Oder handelt es sich wohl um ein erstaunliches Schamgefühl, ein tief verdrücktes Gefühl, das sie auf den Gedanken bringt, dass eine solche Stätte der Qual uninteressant für die französischen Touristen ist. Oder denken sie, dass es besser wäre, wenn man alles vergessen würde und das Opfer, die Toten und diejenigen, die an ihrem Tod schuld waren, in Ruhe lassen sollte. Diese sind im Namen einer Nationalen Wiederversöhnung in die Anonymität getreten, denn es ist immer noch zu früh, dass die Geschichte der Welt eine unparteiliche Perspektive auf die Notjahren Rumäniens bietet. Ich weiß es nicht…
Eine ungefähr sechszigjährige Dame setzt unserer Suche ein Ende und zeigt uns endlich den richtigen Weg, so dass wir uns bald vor dem Tor des Museums befinden.
Ich empfand ein undeutliches Gefühl der Indiskretion wie während meines Besuchs bei Auschwitz. Als hätten mich das ganze Leid dieses Ortes, all die Unmenschlichkeit überwältigt, die manchmal das Schicksal der Menschen bestimmt hat, und mich hören lassen, dass nur die von diesen Grausamkeiten Betroffenen das Recht hatten, dort zu sein, davon zu erzählen, wenn sie es konnten oder wollten, wenn sie noch lebten.
Was kann davon einer erzählen, der weder die Konzentrationslager der Nazis noch die kommunistischen politischen Gefängnisse erlebt hat ? Was kann derjenige empfinden, der dieses Gefängnis betritt, in dem andere Leute an den Folgen des Sieges einer Macht gestorben sind, welche nicht einmal anscheinend Sitten hat, welche man einfach nicht menschlich nennen könnte ? Was kann man noch sagen, was viel erfahrener Leuten noch nicht gesagt haben, über die grausamsten Taten von Menschen ? Wie konnte das Gefängnis von Sighet entstehen, nachdem
der Nürnberger Prozess der ganzen Welt das Erpressen (das ist nur ein mildes Wort) eines Teils der Menschheit durch den anderen bekannt machte - die Millionen Juden, die getötet wurden, nur weil sie Juden waren aber auch die Schwarzen, die Zigeuner, die Russen, die Widerstandskämpfer… Nachdem uns der Nürnberger Prozess davon leicht überzeugte, dass wir nie wieder so was sehen werden. Wir haben daran auch geglaubt, denn die Wiederkehr solcher grausamen Praktiken war nach einer solchen schmerzhaften Nachkriegszeit noch kaum mehr vorzustellen…
Hier in Sighet zählt man nicht Millionen Toten, aber ihre Marter ist nicht weniger grausam, weniger schockierend. Und die Scham der Rumänen, die zweifellos fürchteten, dass man ihnen nicht glaubt oder dass man irgendwie dafür verantwortlich hält, weil sie dagegen nichts getan haben, weil sie dabei bewusst oder unbewusst mitgemacht haben, gibt uns keinen Hinweis darauf, was wirklich passiert ist. Man macht selten direkte Geständnisse, diese Vergangenheit ist viel zu jung, viel zu lebendig in unseren Seelen, so dass sie sich enthüllt, so dass wir immer wieder rufen : « Das haben wir erlebt ! Nie wieder soll das geschehen ! ».
Trotzdem entsteht damit tief in unserer Seele der Zweifel. Es ist das Vorgefühl, dass, wenn dies auf die Dauer die Sache einiger bleiben wird, seien sie Opfer oder Henker, wenn sie darüber reden oder wenn sie schweigen, immer noch hie und da, irgendwo in der Welt bestehen wird. Wir würden dann dem Unglück, der Verächtlichkeit begegnen, ohne etwas zu bemerken, denn wir sind davon überzeugt, dass dieses Problem endgültig erledigt wurde, nach dem Opfer der vielen Millionen Menschen, nach der Anprangerung durch die Allierten - darunter auch die Russen - der Morde, nach der Bestrafung der Schuldigen, einiger von ihnen auf jeden Fall. Das hat wie eine Art Exorzismus funktioniert, denn die Last schien zu schwer.
Heute nach 60 Jahren hat man angefangen, gegen das Vergessen zu kämpfen, denn die Zeugen verschwinden allmählich und bald werden wir nur noch die kalte und sachliche Perspektive der Geschichte kennen, eine statistische Perspektive, die freilich notwendig aber trotzdem so gefühlslos ist. In den Schulen wird man die Geschichte der Kämpfe lernen, seien sie faschistisch, kommunistisch oder unterschiedlicher Art, als Epiphänomene einer menschlichen, sich bewegenden Zeit mit ihrer Abenteuern, die bedauerlich aber warum nicht unvermeidlich waren. Bald werden von dieser menschlichen Zeit nur Leute erzählen, die sie nicht erlebt haben, und die gegebenen Zeugnisse, sogar die schriftlichen, werden uns im Laufe der Zeit schal vorkommen, da wir den Eindruck bekommen, dass es uns wirklich nicht betrifft. Wer wird sich noch für die Leute interessieren, die Opfer einer Macht sind, hie und da, in der Welt, heutzutage, in diesem Moment selbst ? Wer wird noch den wenigen Stimmen zuhören, die in der Gegenwart diese Morde brandmarken ? Wer wird sich noch davon betroffen fühlen, dass tausende noch, Millionen Menschen noch sterben, im Namen einer Politik, im Namen einer Religion, in Namen der Willkürlichkeit ?
Man muss fortleben, man muss den Schleier des Vergessens darüber breiten, sich mit seinen Landsleuten, seinen Mitbürgern, Mitbewohnern versöhnen. Man kann sich nicht auf die Dauer mit der Unmenschlichkeit des Menschen auseinandersetzen, wird man mir wohl erwidern… Freilich muss man fortleben, aber um welchen Preis leben diejenigen von uns, die diese Chance nicht gehabt haben, weil ihnen jemand dieses Recht absprach, einfach so stillschweigend oder in der Öffentlichkeit, indem es den anderen gleichgültig war ?
Im Flur des Museums warteten wir lange auf den französisch sprechenden Reiseführer, den man uns versprochen hat, dann begleitete uns durch das Museum eine junge Dame, eine Studentin, die sehr gut Französisch konnte, die aber uns kurz nachher allein ließ, denn « Amtspersonen » wollten das Museum auch besichtigen und man brauchte sie da…
Vielleicht weil wir endlich allein waren, vernachlässigt und ein bisschen verirrt unter den kursiv geschriebenen Texten, zu denen von Gittertüren versperrten Treppen führten, fingen wir an, die Türen der Gefängniszellen zu öffnen, die angezeigten Dokumente zu entziffern, so dass uns die Grausamkeit völlig unerwartet überwältigte. Ohne einen Reiseführer, deren neutral ausgesprochenen Erklärungen die schmerzhafte Erfahrung ermildern, haben wir die Stockwerke langsam, ruhig besichtigt, die von unsichtbarem Widerstand und stiller, erstaunlicher Kraftlosigkeit erfüllt waren. Ich lies die Dokumente und fasste sie für den jungen Schriftsteller zusammen, der kein Rumänisch konnte. Meine Stimme erzählte davon, was sich mein Herz und mein Gehirn nicht anhören wollten. Das, was mein Herz und mein Gehirn als unvorstellbar, undenkbar, unaussprechbar betrachteten.
Ich erinnerte mich ständig an Auschwitz, das ich 1994 besichtigt hatte und das in meiner Selle eine tiefe Wunde hinterließ. Das war, bevor uns das 50-jährige Jubiläum der Lagerbefreiung vor eine Unmenge Dokumente und Zeugenaussagen stellte. Zum Glück hat man das 60-jährige Jubiläum nicht gefeiert. Indem ich diese Dokumente sah, wurde ich mir bewusst, dass die Wunde in meiner Seele nie heilen wird. Ich werde nie mehr so wie früher sein, unbekümmert und schließlich so wenig interessiert an diesem unvorstellbaren Verbrechen, obwohl ich schon als Kind davon wusste… Die unerschütterliche Gewissheit über das Gute im Menschen, die man seit je bekam, wurde auf einmal völlig erschüttert.
August 1994 :
Wir gehen unbekannte Waldwege entlang nach Auschwitz , unterwegs begegnen wir abgetragenen Wächterhäusern. Wir fürchten, dass unser Besuch nicht indikret wenn nicht unanständig aber zugleich empfinden wir ein inneres Bedürfnis danach - von dem ich gerade erzählte - der so vielen getöteten Leuten zu gedenken.
Der Weg verfügt kaum über Wegweiser und es fiel uns schwer, in einem Dorf richtige Hinweise zu bekommen, auch wenn wir über eine Landkarte verfügten und fließend Deutsch sprachen, auch wenn wir den Leuten sagten, dass wir Franzosen waren…
Wir nehmen den Weg, den früher die Deportierten gingen, wir schämen uns ein bisschen, weil wir da waren, so weit entfernt von dem, was sie erlebten. Zu erschüttert und empört über die alten Henker, um reden zu können, erfüllte uns ein unerwarteter plötzlicher Hass gegen diejenigen, die die menschlichen Grundgesetze verletzten. Wir erlaubten uns zu fotografieren, um später davon zeugen zu können, dass wir eine ebenso unvorstellbare wie menschliche Welt vor den Augen hatten. Es war ein Verbrechen, dessen Grausamkeit wir bis dahin nur teilweise bewusst waren.
In der Nähe eines Leichenverbrennungsofens zündete ein junger Jude neben einem Foto eine Kerze zum Andenken an seinen Großvater an und flüsterte dabei ein Gebet im Hebräischen. Wir sind auch dabei geblieben, um diesem Menschen eine Huldigung darzubringen, der auf einmal einen Namen, eine Lebensgeschichte hatte und durch ihn allen diesen getöteten unbekannten Leuten, Opfer der Barbarei. Wir fügten diesen Worten, die für uns unnverständlich waren aber den Erinnerungen ein Gesicht verliehen, unsere Gedanken hinzu…
Wir hatten also den Eindruck, durch ein « no man´s land » des Lebens und Todes, jenseits des Leides zu irren.
In der absoluten Ruhe dieses Ortes, in dem nicht einmal die Vögel zu zwitschern wagten, hörte man auf einmal eine Gruppe von deutschen Jugendlichen eine Hymne singen, als ob nur die Musik die hier unaussprechlichen Worte ersetzen konnte und das undeutliche Gefühl ausdrücken konnte, das mit den weit entfernten Schmerzen der Menschheit verbunden war. Diese Musik versuchte die Leute zu trösten - uns alle zu trösten - und den Besuchern den Eindruck von Seeligkeit, Lebendigkeit und Menschlichkeit zu machen. Die Schönheit dieser polyphonischen Musik, die von Kindern und Jugendlichen gesungen wurde, war hier in diesem unwahrscheinlichen Moment, in dem die Grausamkeit auffallend war, in dem wir Leiden empfanden, welche wir selber nicht erlebt hatten, die Wiederkehr des Menschlichen, eine Art wieder gefundener Frieden, eine Versöhnung mit uns selber. Denn wir hielten uns verantwortlich für unsere Unwissenheit von dem Geschehenen, für unsere Unfähigkeit, das zu verhindern, für unsere Gleichgültigkeit den Ereignissen gegenüber, die 50 Jahre später das ankündigten, was die Wiederholung der Geschichte hätte sein können.
Viele Jahre später blieb dieser Besuch, der kaum ein paar Stunden dauerte, immer noch sehr lebendig in unseren Seelen.
Trotzdem waren die Orte jetzt anders und die Leute, die hier wohnten, waren auch anders. Tief in meiner Seele empfand ich aber dasselbe. Und hier ermilderte keine Musik, kein Wort die Begegnung mit dem Unmenschlichen…
Ich werde die Geschichte dieses Gefängnisses für übliche Häftlinge nicht erzählen, das später (nach dem zweiten Weltkrieg und das Machtergreifen in Rumänien durch die Russen) zu einem der härtesten politischen Gefängnissen geworden ist.
Die Stätte des Museums kann darüber, auch wenn im Rumänischen, Englischen, Deutschen aber nicht im Französischen, besser informieren.
Wie könnte man von den mit Holzplatten versperrten Zellenfenstern ohne Scheiben erzählen ? Die Gefangenen blieben Tag und Nacht in den dunklen Räumen und trugen nur einen schwarzweiß gestreiften « Pyjama » aus Leinen. Einsam, ohne jeden Kontakt zu den anderen - außer den Geistlichen, die meisten von ihnen griechisch-katholisch, die die Zellen 10 bis 12 bewohnten - , litten sie insoliert in der Finsternis unter der Kälte, dem Hunger, dem Folter, man wollte, dass sie irgendwelches Verbrechen gestehen, von dem sie aber nichts wussten. Sie überlebten ein paar Tage, Wochen, die stärksten überlebten ein paar Monate. Sie starben vor Kälte, Hunger, wegen ihrer Wunden oder vor Körper- und Seelenschmerzen. Nach ein paar Stunden, Wochen - höchstens zwei Jahren im Falle der Stärksten - trug man den Tod freilich aus natürlichen Gründen oder wegen Lungenentzündung oder eines Infarktes einfach in einen Register ein. Man fuhr sie in der Nacht mit einem LKW in die Leichenstätte, um sie zu begraben.
Das Stadtviertel wurde eingesperrt, die Nebenstraßen auch und in der Nacht führte man andere Gefangene ins Gefängnis, durch dasselbe Tor, durch denselben Hof…
Wir waren erschüttert und erstaunt…
Die Ereignisse in Sighet waren im Westen bekannt und nach mehreren Demonstrationen in Namen der Menschenrechte - man konnte die Informationen über die rumänischen Gefängnisse nicht übersehen, sowie die Alliierten es mit denen über die Konzentrationslager getan hatten - hat man das Gefängnis als Beweis des guten Willens geschlossen und alle Gefangenen in andere schreckliche Gefängnisse des Kommunistischen Regims versetzt… Damit hat man den Schein gewahrt. Die Proteste hörten auf, sie waren wenigstens so diskret oder so gut vertuschelt, dass man nichts mehr davon hörte. Der politische Trend gleich während des kalten Kriegs hatte etwas anderes beschlossen. Die plötzliche « Begeisterung » für einen bestimmten Ceausescu verschleierte die Wahrheit.
Sighet war eins der vielen Gefänisse, in denen tausende Rumänen ums Leben kamen, gefoltert wurden, litten körperlich und seelisch, weil sie im Namen der Befreiung, der wirtschaftlich-politischen Interessen geopfert wurden, die wichtiger als sie waren.
Man hat sie einem Schicksal überlassen, von dem wir nichts wussten, weil der sogenannte Eiserne Vorhang ein Vorhang des Schweigens war. Es gab bestimmt auch welche, die davon wussten und nichts sagten…
Vielleicht deswegen sollte man alle Hindernisse überwinden, nie aufgeben und dabei wiederholen, sei es nützlich oder nicht : « Nie wieder soll das geschehen ! ». Eines Tages, indem wir es sagen, beweisen, wird das hoffentlich einen Sinn haben… Hoffentlich wird es niemand mehr wagen, dieses grausame Verbrechen zu begehen…
Übersetzung : Mihai Draganovici